Synästhesie

Klängen eine physische Form geben? Tonintervalle schmecken? Und Musik als farbigen Nebel sehen? Diese Schilderungen sind kein Ausdruck einer blühenden Fantasie, sondern die Art und Weise, in der Menschen wie Elisabeth Sulser die Welt der Musik empfinden: In Form von Farben, Formen oder Geschmäckern.

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Dieses seltene neurologische Phänomen der sogenannten doppelten Wahrnehmung wird auch Synästhesie genannt. Nur rund ein Prozent der Bevölkerung sind in der Lage, verschiedene Sinneswahrnehmungen wie Töne und Farben in der beschrieben Form zu kombinieren. Bei diesen Menschen sind bestimmte Hirnstrukturen besonders stark miteinander verbunden, was auch der Grund dafür ist, dass diese Wahrnehmungen automatisch auftreten und nicht unterdrückt werden können.

Elisabeth Sulser war sechzehn Jahre alt, als sie sich ihrer synästhetischen Wahrnehmung bewusst geworden ist. Seither hat sie an verschiedenen Studien als Versuchsperson teilgenommen, unter anderem am Institut für Neuropsychologie der Universität Zürich. Ihre spezielle Form der Synästhesie wurde immer wieder in internationalen Medien beschrieben, denn bisher ist sie die einzige Person auf der Welt, bei der eine Tonintervall-Geschmacks-Synästhesie bekannt ist.

Der Begriff Synästhesie stammt aus dem altgriechischen Wort für «zugleich wahrnehmen». Er bezeichnet das gleichzeitige Erleben verschiedener Sinneseindrücke, das durch die Reizung von nur einem Sinnesorgan ausgelöst wird. Ursache dafür ist eine stärkere Verbindung als üblich von zwei oder mehreren im Verarbeitungszentrum des Gehirns physisch getrennter Bereiche der Wahrnehmung.

Die häufigsten Erscheinungen sind die optischen Synästhesien, bei denen vor allem durch akustische Eindrücke wie Töne oder Wörter optische Erscheinungen mit erregt werden. Derzeit sind über sechzig Varianten der Synästhesie bekannt. Viele Synästheten nehmen etwa Zahlen farbig wahr.



Bohemian Rhapsody

Dies ist ein Ausschnitt aus „Bohemian Rhapsody“ von Queen, visuell umgesetzt. Elisabeth Sulser malt auf Anfrage Musik ihrer Wahl. Details gibt es bei der Rubrik „Shop“.

Es gibt bei Synästheten aber auch viele nicht-visuelle Wahrnehmungskombinationen wie zum Beispiel Gerüche, Geschmäcker oder ein Berührungsempfinden. Zu ihnen gehört Elisabeth Sulser. Die Synästhesie äussert sich bei ihr gleich in zwei Formen. Zum einen sieht Elisabeth Sulser beim Hören von Musik oder auch von Klängen das Gehörte in Farben (beispielsweise rot für den Ton C, gelb für D oder blau für G) und projiziert es in ihrer Vorstellung auf eine «innere Leinwand». Auf diese Weise entsteht ein kaleidoskopartiges Gemälde, das sich ständig ändert. Die Farben verändern sich mit der Geschwindigkeit der Musik und passen sich in ihrer Form den musikalischen Figuren an.
Zusätzlich verbindet Elisabeth Sulser aber auch Intervalle mit Geschmack – eine bisher weltweit einmalig festgestellte Kombination. Beim Hören von zwei auseinander liegenden Tönen innerhalb einer Oktave empfindet sie einen Geschmack auf der Zunge. Eine kleine Sekunde schmeckt sauer, eine grosse bitter, eine kleine Terz salzig, eine grosse süss, die Quinte nach einem Glas Wasser, die kleine Sexte rahmig nach Vollrahm, die grosse rahmig wie Halbrahm, die kleine Septime bitter wie die grosse Sekunde – und die grosse Septime sauer wie die kleine Sekunde.